Racebericht von Hans-Jürgen Heinzmann

Zuerst die ’nackten‘ Fakten 🥸:

-Strecke: Flensburg → Garmisch-Partenkirchen nonstop
-Gesamtlänge: 1.124 km
-Fahrzeit: 40 h (Ø = 27,6 km/h
-Gesamtzeit: 46 h
Standzeit: 6 h (schon ein erstes Indiz für zahlreiche Probleme)
-Schlafzeit: 10 min
-2 Räder:
Cube 68 Aerium-TT mit Monoblatt (58 x 11-30) (ein 2. Indiz für Probleme)
S-Works Venge Rennrad (52/36 x 11-30) ohne Auflieger
-Platten: 1
-Gesamt-Kalorienverbrauch: 25.400 kcal.

Nachdem nahezu alle Veranstaltungen im Ultra-Radsport auch in 2021 abgesagt, verschoben oder in einem deutlich reduzierten Rahmen durchgeführt wurden, stand recht früh fest, dass das RAG wie geplant in 2021 stattfinden wird. So sollte dieses Rennen quer durch Deutschland -von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen- mein (wohl einziges) Saison-Highlight werden.

Mein bewährtes Betreuer-Team (llse ‚Ostfriesen-Power‘ Ommen, Manfred ‚Manni‘ Hentschke und Benjamin ‚Ösi‘ Brodesser) stand wie in den vergangenen Jahren ebenfalls wieder mit vollem Elan bereit.

Die Vorfreude auf dieses Rennen wurde leider durch einige körperliche ‚Zipperlein‘ stark beeinträchtigt, schlug, je näher das Rennen kam, sogar in Unsicherheit und Angst um. Obwohl ich vollstes Vertrauen in meine Physis und körperliche Leistungsfähigkeit hatte -dafür hatte mein Trainer Niels Asbjörn Schuldt akribisch schon gesorgt-, war ich mir völlig im Unklaren darüber, ob diese Problemstellen nicht bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt im Rennen zu dessen Abbruch führen werden. So hatten Fuß- bzw. Zehschmerzen bereits in 2020 die Aufgabe in einem 24h-Rennen in Dänemark erzwungen; diese kritische Stelle hatte ich bis zum Start beim RAG nicht in den Griff bekommen und behalf mich mit einer Spontan-Maßnahme (Taping zweier Zehen), die ich kurz vor dem Start freitags als verzweifelten, letzten Ausweg noch versucht habe. Auch die Wade ‚zwickte‘ ab und an im Training, unabhängig von der Trainingsintensität. Auch hier behalf ich mich kurzfristig dadurch, dass ich bei allen Schuhpaaren Cleats mit seitlicher Bewegungsfreiheit montiert habe. Last but not least habe ich mir zwei Tage vor dem Start bei einer Regenfahrt noch ein Furunkel im Schritt eingefahren, das sich in den nächsten Tagen deutlich vergrößert hat. Summa summarum ein Konglomerat an negativen Aspekten und Gedanken, die leider vollständig das Denken bestimmt und nicht den Funken einer positiven Vorfreude haben aufkommen lassen. Mein erster Gedanke am Starttag war: ‚Ich will (und kann) nicht 1.100 km nonstop mit dem Rad durch Deutschland fahren‘. Stattdessen sollte man eigentlich sagen können: ‚Ich hab‘ voll Bock auf ’ne ausgedehnte Radl-Tour!‘.

So rollte ich völlig verunsichert und letztlich auch mutlos am Freitag gegen 8 Uhr mit meinem Cube-Zeitrad zum Start an die Hafenspitze. Die Gedanken, das Rennen könne sofort aufgrund der bereits bekannten Probleme und Schmerzen zu Ende sein, sollten dann auch bis km 500 meine ständigen und einzigen Begleiter sein.

Sehr gefreut habe ich mich aber über die ‚Fan‘-Unterstützung von Rad-Freunden, meines Trainers und eines Arbeitskollegen. Leider durfte mein Team covid-bedingt nicht im Startbereich auf mich warten, sondern konnte erst außerhalb von Flensburg erstmalig zu mir stoßen. Dass ich angesichts der o.g. Punkte bereits ‚im Tunnel‘ war, mag man mir verzeihen, auch, dass ich zunächst unsere Oberbürgermeisterin nicht erkannt habe, die jede startende Person selbst verabschiedet hat.

 

📷 Ilse Ommen

Aus der Erfahrung heraus legen sich der Respekt und auch eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf den Ausgang des Rennens mit den ersten Kilometern nach dem Start. Nicht so in diesem Jahr: 8:34 Uhr ging ich auf die Strecke; rund 16 Stunden später sollte ich es erstmalig geschafft haben, einen positiven Gedanken zu fassen. Die sportliche Vorgabe meines Trainers, bis zum Abend mit rund 220 Watt auf dem Zeitrad zu ‚rollen‘, konnte ich physisch sehr gut umsetzen. Aber eben mit dem ständigen Hintergedanken, die bereits bekannten Schwachstellen könnten aufbrechen. Vor Allem aber mein ‚Sitzproblem‘ machte sich in der Aero-Position sofort bemerkbar.

Mit steigenden Temperaturen fingen die Fußsohlen zu brennen an. Zu guter Letzt hat uns auf den ersten 400 km ‚irgendetwas erwischt‘, das unterschiedliche allergische Reaktionen ausgelöst hat: Benjamin und Manni bekamen sofort einen kapitalen Ausschlag, bei mir wurden die Atemwege derartig gereizt, dass ich asthmatische Anfälle auf dem Rad bekommen habe. Bezüglich der Atemwege waren wir aber gut vorbereitet, so dass der Krampf-Husten wie auch der Nasen-Durchsat sich bis Renn-Ende sukzessive verbessert haben. Auch nicht gerade förderlich für die Motivation war die Tatsache, dass bereits überholte Radfahrer auf wunderliche Art und Weise auf einmal wieder vor uns waren. Die Track-Frage war dann doch offenbar interpretierbar…

Ein non-supported Fahrer nutzte irregulär und ausgiebig meinen Windschatten und wurde natürlich von seinem persönlichen Kamera- Team auf der gesamten Strecke nur begleitet, nicht aber supported. Da zeigen sich einige Helden der Landstraße dann doch nicht als puristische Verfechter des Radsports, aber sei’s drum…

Mehrere, sehr plötzlich auftauchende Baustellen trennten mich vom Begleitfahrzeug; zweimal so lang, dass ich ohne ausreichend Ernährung und Flüssigkeit fahren musste.

Erstes Zwischenfazit nach 400 km auf dem Zeitrad: Der anvisierte Schnitt (ca. 34 km/h) passte grundsätzlich. Die ständigen Schmerzen wie auch die negativen Gedanken haben mich aber komplett zermürbt, so dass mein einziger Ausweg war…Abbruch! In diesem Zustand noch weitere 700 km zurückzulegen und vor Allem mit dem Furunkel erneut auf das Zeitrad zu steigen (um den Schnitt dann auch am 2. Tag zu halten), lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens. Mehr als einmal stellte ich mir die Sinnfrage, in dieser Deutlichkeit und Häufigkeit erstmalig in einem Ultra-Race.

📷 Ilse Ommen

Nach einem ersten längeren Krisengespräch konnte mich das Team doch noch zur Weiterfahrt motivieren. Dieser Betreuer-Erfolg, kombiniert mit der Aussicht, mit dem für die Nacht geplanten Wechsel auf das Rennrad eine etwas günstigere Sitzposition einnehmen zu können und infolge der kühleren Temperaturen auch das Sohlenbrennen in den Griff zu bekommen, holte mich wieder auf die Strecke zurück. Tatsächlich brachten das Rennrad und die Nacht etwas Linderung. Der Husten blieb zunächst, aber ich konnte wieder sitzen und treten. Ohne Vorankündigung wurden diese Schmerzen von heftigsten Muskelverspannungen im Nacken abgelöst, die eine Bewegung des Kopfes zunehmend unmöglich machten. Hinzu kamen als Folgeerscheinungen stechende Kopfschmerzen und taube Hände. Das Betätigen des Umwerferhebels…nicht mehr möglich.

Weitere 100 km auf der ‚wave of pain’…keine Vorstellungskraft, ob und wie es weitergehen kann.

Krisengespräch, das zweite…mein persönliches Fazit zu diesem Zeitpunkt: 500 km zurückgelegt und nicht einen Kilometer genossen. 600 km und damit noch mehr als die Hälfte vor mir, mit der Aussicht, weiter durch das Tal der Schmerzen fahren zu müssen. Nein, das wollte ich nicht und ich war auch nicht dazu bereit, 1.100 km ausschließlich zu leiden. Ein Quentchen ‚Spaß‘ oder ‚Genuß‘ ist doch nicht zu viel erwartet…mein Betreuer-Team hat mich in einem derartigen mentalen

Ausnahme-Zustand noch nie erlebt, zumindest noch nie so ‚früh‘, d.h. bereits nach 500 km. Mentales Wrack wäre zu diesem Zeitpunkt wohl noch eine Untertreibung gewesen. Auch der immer noch starke Krampf-Husten machte dem Betreuer-Team; erste Gedanken, aus gesundheitlichen Gründen abzubrechen, kamen auf. Aber auch hier ergriff das Team dann die richtigen Maßnahmen, ein Mix aus ‚in Ruhe lassen‘ und ‚gut zureden‘ und das Wichtigste: das Einpflanzen neuer, positiver Gedanken. So erzählte Benjamin ganz nebenbei vom überraschenden Verlauf und Ausgang der Tour de France-Etappe (früher Angriff von van Aert und van der Poel), was mich gedanklich auf einmal packte. Diese Geschichte war der erste Gedanke außerhalb meiner negativen Mental-Spirale. So handelten wir einen Kompromiss aus, dass ich trotz aller Schmerzen zumindest noch einmal losfahre. Sollte es dann tatsächlich nicht mehr weitergehen, wäre der Abbruch allseitig akzeptiert. Nach vielen Behandlungs-Minuten mit der Massage-Gun im Nacken- und Rücken-Bereich und weiteren Salbutamol-Stößen zwang ich mich wieder auf’s Rad. Die Lockerung der Nacken-Muskulatur ermöglichte es mir, während des Fahrens den Kopf wieder zu bewegen und diesen Bereich weiter zu entspannen. Die aufgekommene Enttäuschung, dass aufgrund der Probleme und der dadurch bereits entstandenen Pausenzeiten dieses Rennen wohl nicht mehr siegreich beendet werden kann, wich der Hoffnung und der Bereitschaft, gemeinsam mit dem Team und trotz aller anfänglichen Schwierigkeiten das Rennen zu finishen und das möglichst noch sportlich ansprechend.

Die dann folgenden Gespräche- nun funktionierte die Funkverbindung zumindest teilweise wieder- über die TdF-Etappe und die aufgrund des Stark-Nebels sehr anspruchsvollen Abfahrten wie auch die aufkommende Kälte (rund 5 Grad) lenkten meine Aufmerksamkeit von den Schmerzen ab. Positive Gedanken fanden zunehmend Eingang in mein Bewusstsein und nach etwa 600 km kam bereits so etwas wie Spaß am Radfahren und genau diesem Rennen auf.

Nach der ersten Nacht -zu diesem Zeitpunkt stand letztlich schon fest, dass eine zweite, komplette Nacht bevorstand- dann die nächste Herausforderung, diesmal aber technischer Art. Der Umwerfer des Rennrads ließ sich nicht mehr bewegen. Selbst der Veranstalter mit seinem Techniker konnte den Schaden nicht adäquat reparieren, so dass wir abseits der Strecke ein Radgeschäft aufsuchen mussten, das uns telefonisch bereits seine Unterstützung zugesagt hatte. Das klappte dann auch sehr gut, kostete aber uns leider wiederum eine komplette Stunde. Aber mittlerweile war ja (fast) der Weg das Ziel! Immerhin konnten parallel dazu die Kaffee- und Brezel-Bestände wieder aufgefüllt werden.

Das immer noch existente Problem im Sitzbereich wurde durch eine ‚Not-OP‘ im Gebüsch entschärft. Die anschließende Druckentlastung war deutlich auf dem Rad zu spüren.

Zwischenzeitliche Magenverstimmungen vergingen wieder. Aber ist es ein Wunder, wenn als Nahrung ausschließlich ein Flüssig-Gemisch aus Wasser, Maltodextrin, Fructose und Palatinose und etwas Kochsalz zugeführt wird? Da auch die vergangenen Rennen gezeigt haben, dass selbstgemachte Reisriegel (Klebreis mit Aprikosen und Heidelbeeren) eine gute Ergänzung bzw. ein sehr guter vorübergehender Ersatz sind, waren diese natürlich im Gepäck und wurden bis zum Ende des Rennens auch (auf)gebraucht. So verging auch der zweite Tag, die negativen Gedanken waren nahezu verflogen, die Schmerzen nicht mehr bzw. nur noch latent vorhanden. Statt an Abbruch und Leiden zu denken, genoss ich die Umgebung und rechnete fleißig herum, wie viele Kilometer wir noch zu fahren hatten. Da heißt es, die noch zurückzulegende Strecke in kleine, bereits erfolgreich absolvierte Abschnitte zu unterteilen und step by step abzuhaken und -radeln. So besteht die Gesamtstrecke aus etwa 4x Zeitfahren Hamburg-Berlin, einer der letzten Abschnitte aus 2 Ironman-Radstrecken, die letzte davon wiederum aus jeweils 30 km langen Ostseeman-Runden etc.

Im Laufe des Vormittags war es dann wieder Zeit für das Zeitrad, um ein paar schnellere Kilometer absolvieren zu können. Gesagt, getan…ich saß wieder auf dem Cube und war bereit, ordentlich Speed aufzunehmen. Aber hier rächten sich dann die fehlenden Streckenkenntnisse und die sehr, sehr optimistische Wahl der Übersetzung. Mit dem 58er Mono-Kettenblatt waren -kaum verwunderlich- die zwar nur noch kleinen, dafür aber häufigen und ausreichend steilen Hügel auf dem Zeitrad nicht fahrbar, ohne zu viel Kraft zu investieren. So mussten wir wieder zurück auf das Rennrad; die Faulheit, im Vorfeld auch das Zeitrad auf zwei Kettenblätter umzurüsten, hat nun also im Rennen entsprechende Zeit gekostet.

Die Dämmerung brach an, das Rennrad wie auch ich wurden im Rahmen einer längeren Pause (20 min) nacht-fertig gemacht, d.h. mit Licht, Reflektorweste und wärmerer Kleidung ausgestattet.

Die ersten Nachtstunden mit noch relativ warmen Temperaturen und zirpenden Grillen machten Lust auf die letzte Etappe in Richtung Garmisch-Partenkirchen. Es ging zügig voran, auch die Watt-Werte passten noch nach rund 1.000 gefahrenen Kilometern. Nach Mitternacht setzte dann stärkerer Regen ein, der eine weitere Umkleidepause erforderte.

4 Uhr in der Früh und nur noch 50 km…die merkwürdigen Gegenstände, Tiere und Menschen auf der Straße sind doch nicht real, oder? Während ich die ersten Hindernisse noch ‚gnadenlos‘ durch- und überfuhr, stressten mich die Halluzinationen zunehmend. Jedes ‚überfahrene‘ Lebewesen brachte mich in einen moralischen Konflikt, so dass ich dann teilweise versuchte abzubremsen. Da dies trotz der geringen Rest-Distanz eine kaum zu kontrollierende und damit extrem gefährliche Situation war, war ein letzter Stopp mit einem Power-Nap notwendig. In Rad-Klamotten und -schuhen schlief ich rund 10 Minuten auf dem Beifahrer-Sitz. Nach dem Aufwachen hatte ich wieder eine phänomenale Klarheit im Kopf und war voll motiviert, die letzten 50 Kilometer anzugehen.

Wie üblich auf derartig langen Strecken potenzierten sich -mit der Ziellinie bereits vor Augen- die Schmerzen auf dem letzten Abschnitt, so auch diesmal. Aber anders als zu Beginn des Rennens war ich bereit, dies zu ertragen. Leider meldete sich auf den letzten 50 km dann doch noch massiv die Wade, so dass es nur mit Vorsicht und deutlich reduziertem Tempo weiter Richtung Süden gehen konnte.

Das Ortsschild von Garmisch-Partenkirchen…geschafft; nur noch rund 4 km bis zur Skisprungschanze und dann den steilen Anstieg die Schanze hoch. Natürlich lasse ich mir das nicht nehmen, die bis zu 30% steile Rampe mit dem Rad hoch zu fahren…Wade hin, Wade her; selbstverständlich aber erst, nachdem Benjamin zur Gewichtseinsparung die Lichter abmontiert hatte.

Die letzten Meter sind nun auch geschafft…der Veranstalter gratuliert uns zu unserer starken Leistung, auch wenn ihm gar nicht bewusst sein kann, welche Herausforderungen wir als Team mit Bravour gemeistert haben. Ultra-Racing mal anders herum: elendige Schmerzen und Abbruch- Gedanken zu Beginn und mentale Wiederauferstehung und erfolgreiche Schmerz-Bewältigung in der zweiten Hälfte des Rennens (der getapte Zeh, meine größte Befürchtung, hat sich dagegen während des gesamten Rennens nicht ein einziges Mal bemerkbar gemacht).

Mein aufrichtiger Dank gilt meinem Trainer, der die physischen Grundlagen für das erfolgreiche Finishing gelegt hat, aber vor Allem meinem Team, das mich durch den mentalen Overkill geführt hat und mir -schlichtweg gesagt- den Hintern gerettet hat.

Danke, danke und nochmals danke an Niels, Ilse, Manni und Benjamin!

Wie auch allen Freunden, Bekannten und Supportern, die meine Odyssee (live) verfolgt haben und mir ihre Wünsche auch während des Rennens haben ausrichten lassen. Gerade in mentalen, kritischen Situationen sind diese Zusprüche so ungemein wertvoll!

📷 Ilse Ommen