Ich setze mich oft wie ein kleines Kind vor den Laptop, recherchiere und bin gespannt, wenn es neue, interessante Studienergebnisse oder Blogbeiträge zu lesen gibt. Aber die Frage, die ich mir gleichzeitig stelle, ist: Warum wird erst jetzt vermehrt darüber gesprochen?

Ein gutes Beispiel ist der weibliche Zyklus. Warum war oder besser gesagt IST der Zyklus auch heute noch häufig ein absolutes Tabu-Thema? Und warum wird er von vielen Athletinnen als Schwäche wahrgenommen? Das Thema ist für uns Frauen alltäglich und absolut normal, dennoch reden wir eigentlich nur sehr selten darüber. Und schon gar nicht mit Männern. Wir wahren dadurch häufig den Anschein, dass wir (fast) jeden Tag gut funktionieren und dazu in der Lage sind Leistung abzurufen. Aber ich möchte in diesem Beitrag auf etwas anderes hinaus.

Ist es nicht erstaunlich, dass früher ein Großteil der sportwissenschaftlichen, medizinischen oder auch pharmazeutischen Forschung an männlichen Probanden durchgeführt wurde?

Die Annahme, die daraus resultiert, ist also folglich, dass die physiologischen Reaktionen auf bestimmte Trainingsreize bei Frauen weitestgehend so ausfallen wie bei Männern. Die Ergebnisse wurden generalisiert. Erst in den 80er Jahren wurde begonnen, Frauen vermehrt in die Forschung einzubinden

Warum war das so?

Es lag gar nicht so sehr daran, dass es zu wenig Athletinnen gegeben oder dass Forschungsgelder gefehlt hätten, auch nicht dass Frauen umständlicher zu erforschen gewesen wären. Es ging vielmehr um die gesellschaftliche Rolle und den Stellenwert von Frauen im Sport. Lange Zeit durften Frauen nicht mal bei den Olympischen Spielen zuschauen.

Noch in den 50er Jahren standen fast alle Sportarten unter dem Verdacht, Frauen gesundheitlich zu schädigen. Für solche Annahmen wurde ungeprüft Literatur aus den 20er und 30er Jahren übernommen.

Es hieß: Sport verschwendet den begrenzten Energievorrat, den jede Frau für die Schwangerschaft benötige. Kraft- und Ausdauersport war also lange Zeit nur etwas für Männer.

Erst ab den 70er Jahren durften Frauen an Marathonläufen teilnehmen. 1984 wurde der Marathon für Frauen olympisch. Das ist also noch gar nicht so lange her. Seitdem werden Athletinnen allerdings auch immer mehr in die sportwissenschaftliche Forschung eingebunden. Das ist toll! Allerdings gibt es dabei häufig einen Haken.

Sportwissenschaftliche Studien mit Frauen

Frauen werden bei Studien meistens in der sogenannten Follicular Phase eingebunden. In dieser Phase des Zyklus wird die Leistung noch nicht so sehr von Hormonen beeinflusst. Außerdem werden Frauen häufig zusammen mit Männern getestet, um größere Probandengruppen oder Teilnehmerzahlen an einer Studie zu erreichen. Die jeweilige Zyklusphase, der getesteten Frauen, wird jedoch nur selten berücksichtigt und bei der Analyse der Ergebnisse nicht differenziert betrachtet.

Auch heute sind bei folgende Annahmen immer noch wahrzunehmen:

  • Unterschiede zwischen Mann und Frau sind sehr gering und die Generalisierungen der Ergebnisse von männlichen Probanden sind ok
  • Es ist relativ aufwendig Athletinnen in den verschiedenen Phasen des Menstruationszyklus zu testen
  • Es gibt zu wenig Athletinnen in den Wechseljahren oder in Menopause, um Studien für und mit diesen Athletinnen durchzuführen

Es existieren also noch viele Generalisierungen in der Sportwissenschaft, die gerne genutzt werden und Anwendung finden. Hier kommen zwei simple Beispiele.

Ich denke wir alle kennen die Empfehlung, bei intensiven Ausdauerbelastungen, die länger als zwei Stunde dauern, 60-90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde aufzunehmen. Habt ihr euch schonmal gefragt woher diese Empfehlung kommt? Grundlage waren Studien in denen männlich Elite-Triathleten und Radfahrer untersucht wurden. Die Ergebnisse sagten aus, dass durch eine Supplementierung, in der Glukose, Fruktose und Maltodextrin kombiniert werden, bis zu 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde aufgenommen werden können.

Wir wissen, dass Frauen ungefähr genauso viel Glukose absorbieren können wie Männer, aber schon bei der Fruktose wird es schwierig: Frauen können von 100 Gramm Fruktose etwa 26 Gramm absorbieren, Männer hingegen 66 Gramm. Maltodextrin kann dann tatsächlich erst recht Probleme machen, da es sehr lange im Darm verweilt und so Wasser anzieht.

Außerdem wissen wir, dass Frauen durch den erhöhten Einfluss von Östrogen in bestimmten Zyklusphasen vermehrt Kohlenhydrate einsparen und sehr viel besser freie Fettsäuren für die Energiegewinnung nutzen können. Was glaubt ihr passiert also, wenn Frauen versuchen 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde, zusammengesetzt aus Glukose, Fruktose und Maltodextrin, aufzunehmen? Richtig, sie bekommen massive Magen-Darm-Probleme.

Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Körper

Das zweite Beispiel ist die empfohlene Protein-Aufnahme für Sportler von 0,8-2,0 Gramm Protein je Kilogramm fettfreier Körpermasse pro Tag. Diese Empfehlung basiert auch auf Studien, die mit gut trainierten Männern durchgeführt wurden. Für Frauen hat man schlicht und einfach den unteren Bereich dieser Angabe als Richtwert angenommen.

Erst in den letzten Jahren erschienen Studien¹ , die zeigten, dass Frauen unbedingt 2,0-2,3 Gramm Protein je Kilogramm fettfreier Körpermasse pro Tag aufnehmen sollten. Direkt nach dem Training sollte sogar innerhalb von 30-45 Minuten 30 Gramm Protein aufgenommen werden, um zu vermeiden in einen katabolischen Zustand (Abbau von körpereigenen Substanzen) zu kommen, denn das Hormon Progesteron hat eine deutliche katabole Wirkung. Männer hingegen haben hier einen wesentlich längeren Zeitraum, in dem ihr Körper die Muskulatur mit Proteinen versorgen kann.

Fokus auf Athletinnen und den weiblichen Körper

Ich denke, dass diese beiden Beispiele deutlich machen, warum es Sinn macht bei sportwissenschaftlichen Themen etwas genauer auf die Unterschiede des menschlichen Körpers zwischen Mann und Frau zuschauen und durchaus auch die Athletinnen vermehrt in Betracht zu ziehen. Immer mehr Forschungsgruppen tuen genau das und ich freue mich, wenn ich euch in den kommenden Beiträgen interessante Ergebnisse vorstellen und ein paar praktische Tipps an die Hand geben kann.

 

Quellen

  • Thomas DT, Erdman KA, Burke LM. (2016) American College of Sports Medicine Joint Position Statement. Nutrition and Athletic Performance. Med Sci Sports Exerc. 2016 Mar;48(3):543-68.
  • Malowany, West, Williamson (2019) Protein to Maximize Whole-Body Anabolism in Resistance-trained Females after Exercise. Medicine & Science in Sports & Exercise 51(4):1
  • Dr. Stacy Sims – ROAR:How to Match Your Food and Fitness to Your Unique Female Physiology for Optimum Performance, Great Health, and a Strong, Lean Body for Life
  • Dr. Stacy Sims: „Women are not small men“ Course